06 August 2011

Lange Nacht der Schatten



Neulich Nacht konnte ich nicht schlafen. Am Abend zuvor hatte überraschend mein älterer Bruder angerufen, und wir haben uns gestritten. Schon wieder. Manchmal kommt es mir so vor, als wären Streitgespräche die einzigen Unterhaltungen, die wir überhaupt noch führen. Und obwohl ich es hasse ihn vor den Kopf zu stoßen, will ich es gleichzeitig mit ganzer Kraft. Ihm wehtun, meine ich.
Warum lässt er mich auch nicht in Frieden? Wozu all die Einladungen zum Essen, Grillen, Picknicks, Kino, Geburtstage, Namenstage ... wenn ich am Ende doch nicht hingehen werde. Er weiß das. Ich weiß das. Wir beide wissen es. Warum gibt er nicht auf?
Diesmal war ich besonders wütend, und habe ihn mit deutlichen Worten abgespeist, damit er nicht mehr anruft. Soll er jemand anderen auf den Senkel gehen, ich habe genug davon, jawohl!

Doch trotz meiner festen Überzeugung, das Richtige getan zu haben, folgte eine schlaflose Nacht, denn etwas, dass er gegen Ende unserer Auseinandersetzung bemerkt hatte, wollte mir nicht aus dem Kopf gehen. Etwas, das er nicht hätte sagen sollen.  

Was passiert eigentlich, wenn vergangene Ereignisse unser Leben nachhaltig bestimmen? Zum Beispiel, wenn wir etwas erlebt haben, das so schmerzhaft war, dass wir uns immer mehr isolieren. Von unserer Familie, Freunden – uns selbst.
Was mich zu der Frage über den richtigen Umgang mit Schmerz führt. Was tun, wenn es wehtut?

Annehmen oder ausblenden?
Ansehen oder ablehnen? 
Fühlen oder nicht fühlen?

Die Antwort liegt auf der Hand, aber das Annehmen ist erheblich unangenehmer als das Wegsehen. Ich meine, wer bei Verstand setzt sich freiwillig Kummer, Trauer, Angst oder Reue aus? Ablehnung. Wut. Hass.
Gefühle, die ich eher nicht so gern an mich heranlasse. Trauer macht traurig, Angst macht ängstlich, und Hass – hässlich.
Andererseits – nicht zu fühlen macht einen irgendwann hart. Man schließt sich ein, bis irgendwann nichts mehr zu einem durchdringt, und man selbst zu einem Kiesel wird. Eingeschlossen in sich selbst, ausgeschlossen von der Welt. Unnachgiebig. Unnahbar.

Warum hat er das gesagt?, geht es mir wieder und wieder durch den Kopf.

Es gibt verschiedene Stadien des Ausgeschlossenseins. Genau, wie es umgekehrt, unterschiedliche Stufen des Angeschlossenseins gibt.
Ich habe festgestellt, dass mich die letzten Jahre härter gemacht haben. Zuerst fand ich das cool. Ich meine, mal ehrlich: Lieber ein taffes Miststück sein, als dass ich mir noch einmal vorschreiben lasse, wie ich aussehen, mich anziehen, was ich arbeiten – wie ich mein Leben gestalten soll. Dabei ist mir jedoch entgangen, dass vergangene Verletzungen mehr und mehr mein Handeln bestimmt, und meinen Blick verschleiert haben.

Unruhig werfe ich mich von einer Seite auf die andere, bis ich mich nach einer gefühlten Ewigkeit seufzend aus dem Bett rolle, in ein Plaid wickle und in die Küche schlurfe.

Was ist zu tun, wenn man sich in die schlimmste Version seiner selbst verwandelt hat?, überlege ich, während ich Tee zubereite.
Wenn man zu einem Kotzbrocken mutiert ist, um die man früher einen Bogen gemacht hat, weil man mit denen nichts zu tun haben wollte. Unerträgliche Besserwisser, die von anderen Leuten reden, als wären das die letzten Idioten. Die sich mit vor Empörung geschwollener Brust über Kollegen, Nachbarn und Bekannte beklagen, ohne zu bemerken, dass sie selbst Teil des Problems sind.
Die glauben, immer im Recht zu sein, aber nicht begreifen, dass dieser Glaube nicht automatisch bedeutet, dass man auch Recht hat. Und selbst wenn man sich im vermeintlichen Recht befindet, was zur Hölle ist so besonders daran? Warum nicht die Stärken seines Gegenübers sehen, das Potential, statt auf den Schwächen rumzutrampeln?

Während ich um drei Uhr Morgens an meinem Tee nippe, lasse ich das Gespräch mit meinem Bruder Revue passieren. Und das tut weh. Sehr.
Warum hat er das gesagt?

Ich habe ihm keine Chance gegeben - nie. Wollte seine Nähe nicht, genauso wenig wie seine gutgemeinten Ratschläge. 
Was hat er getan, um das zu verdienen?

Zu viele schmerzhafte Erinnerungen sind mit ihm verbunden, an die ich nie wieder denken möchte.
Tod und Zerstörung.
Verlust und Trauer.
Schock und Tränen.

Dabei war sein Verlust genauso groß, wie meiner. Vielleicht größer. Vermutlich, denn er hat nicht nur seinen Vater, sondern auch eine geliebte Schwester verloren, die ihm so nahe stand, wie mein kleiner Bruder mir. Und sie waren nicht auf dem Weg zu seinem Geburtstag gewesen, sondern zu meinem.
Als mein Bruder widerstrebend die Vaterrolle übernahm, hat er nichts als Ablehnung erfahren. Ablehnung, die ich bis zum heutigen Tag aufrechterhalten habe, nur um das Eine nicht zu tun: Fühlen. 
All das zu fühlen, das ich lieber vergessen möchte. Unbeschreiblichen Schmerz. Ungeheure Trauer. Und Wut, immer wieder Wut. 

Der Zorn ist, glaube ich, am Schlimmsten. Es gibt nicht wirklich jemanden, dem man die Schuld geben kann, wenn ein geliebter Mensch aus dem Leben gerissen wird, nicht mal dann, wenn ein Schuldiger feststeht. Ein betrunkener Fahrer, oder einfach jemand, der nicht aufgepasst hat. Die Last des Verlusts kann einem niemand nehmen, nicht mal ein verurteilter Falschfahrer. Leben müssen die Hinterbliebenen mit dem Ergebnis, die Frage lautet, wie?
In dem sie alles ablehnen, das sie an die schwierigste Zeit ihres Lebens erinnert, oder es annehmen als ein Ereignis, an dem man wachsen kann.
Oder zerbricht.

Wie ich so in meinen Tee weine, fällt mir auf, wie vielen Menschen ich in meinem Leben keine Chance gegeben habe. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht konnte. Verzeihen, meine ich. Irgendjemand musste bezahlen, schließlich wollte ich nicht die Einzige sein, die leidet. Und wenn keiner da ist dem man die Zähne einschlagen kann, nimmt man halt den, der zufällig vorbeikommt. 
Es ist erstaunlich festzustellen, das es manchmal tatsächlich hilft, jemanden runterzumachen. Dann muss ich mich nicht länger klein und hilflos fühlen, denn solange es da draußen jemanden gibt, der noch kleiner ist als ich, brauche ich nicht zu wachsen.
Kollateralschaden nennt man das wohl.
Oder Verdrängung.
Letztendlich liegt die Wahl bei mir, wie ich mit äußeren Reizen umgehe und wie ich den Herausforderungen des Lebens begegne. Es ist meine Entscheidung. Mein Leben.

Warum hat er das gesagt?

Ich warte bis sieben Uhr, setzte neues Teewasser auf und tippe die Mobilnummer meines großen Bruders ein. Entsetzt und auch ein bisschen beschämt stelle ich fest, dass ich ihn nicht mal gespeichert habe. Er hebt nach dem dritten Klingeln ab, und klingt so erschöpft, wie ich mich fühle. Dann tue ich das Einzige, das mir zu tun bleibt: Ich entschuldige mich. 
Für das gestrige Telefonat. Für Jahre der Ausgrenzung, und dass ich ihm die Schuld am Tod meines Vaters und meiner Schwester gegeben habe, obwohl es keinen rational nachvollziehbaren Grund dafür gibt. 
Es wird ein langes Gespräch, in dessen Verlauf er sich in den Wagen setzt und zu mir nach Hause fährt. Mit verquollenen Augen öffne ich die Haustür und wir fallen uns in die Arme.

Es folgt ein seltsamer Tag, in dessen Verlauf nach und nach immer mehr Familienmitglieder eintrudeln. Erst meine Mutter, dann mein "kleiner" Bruder, zum Schluss sogar meine Schwägerin mit meinen Neffen. Als wir uns gegen Mittag Essen vom Chinesen kommen lassen, trage ich noch immer meinen Pyjama. Wir reden mehr über Nichtigkeiten als Wichtigkeiten, aber das spielt keine Rolle, Hauptsache wir reden.
Am Abend übernachte ich zusammen mit meinem kleinen Bruder bei meiner Mom auf der Couch. Ich will nicht allein sein, brauche die Nähe meiner Familie.
Und die bekomme ich, denn niemand lehnt mich ab oder macht mir Vorwürfe. 

"Dich trifft keine Schuld, Kleines."

Ich glaube, wichtig ist, dass wir nicht stehenbleiben. Dass wir uns öffnen, für Impulse, Ideen – für Menschen. Denn wenn wir erst zumachen, verschließen wir uns all den Möglichkeiten, der Chance uns weiterzuentwickeln, zu wachsen. Am Leben sowie an uns selbst. Wer sich einschließt, sperrt sich aus und verpasst so die kleinen und großen Dramen des Lebens. 
Wäre das nicht eine unglaubliche Zeitverschwendung?

Nachdenklich, die kamelin

4 Kommentare:

Kristina hat gesagt…

Ein sehr bewegender Text, der meine Gefühle zu Trauer und Tod ganz wunderbar transportiert.

kamelin hat gesagt…

Hallo du Liebe, ich danke dir, das war der Plan ,-) Beim Schreiben musste ich selbst ziemlich schniefen ...

Hast du schon einen Erscheinungstermin für deinen neuen Roman?

Kristina hat gesagt…

Hallo, liebe kamelin! :-)

Der (schier endlose) Feinschliff wird mich noch eine ganze Weile beschäftigen ...

Ich freu' mich schon auf Deine Veröffentlichung!!!

kamelin hat gesagt…

Me too ,-) Teil 2 werde ich diese Woche wohl beenden, und dann - nun ja - kommt der schier endlose Feinschliff.