30 Mai 2011

Ein total Zen-mäßiger Tag



In letzter Zeit stelle ich zunehmend fest, dass ich immer gereizter auf meine Umgebung reagiere. Übersetzt heißt das: Mich nervt praktisch alles und jeder. Dass ich dabei Ärger anziehe, wie ein Magnet Kühlschränke, macht es nicht gerade besser. 
Aus diesem Grund habe ich beschlossen, die Dinge in Zukunft Zen-mäßiger anzugehen – ein Termin mit meiner Yoga-Tante soll es richten.
Diese teilt mir nach nur 5 Minuten intensiver Verrenkungen mit, dass meine Chakren blockiert sind, und meine Aufmerksamkeit nicht bei meinem Atem liegt. Mit einem Wort: Ich bin total verkrampft.
Na toll. Um mir das sagen zu lassen, hätte ich sie auch anrufen können. 
Nach einigen Übungen, die ich allesamt vergeige (Frau kamelin, sie atmen gegen die Bewegung!), trägt sie mir Hausaufgaben auf: Ich soll mich täglich bei jedem bedanken, dem ich begegne – für was genau lässt sie offen, was wieder mal typisch ist. Zudem muss ich auf meinen Atem achten und dafür sorgen, dass er sanft fließt.
Sanft fließt, ja? Oh Mann, ich fasse es nicht – hab ich dafür wirklich Geld bezahlt? In jedem Fall klingt es nicht besonders kompliziert. Bedanken, atmen, kein Problem. Ich bin ein Profi, ich schaffe das!

Der nächste Tag beginnt schon nicht gut, denn ich wache mit Muskelkater und einem mordsmäßig steifem Nacken auf. "Danke, du Arschloch von einem Nachbarn", denke ich, während ich mich stöhnend aus dem Bett rolle, "für die Scheiß laute Musik, und dafür, dass ich deinetwegen die halbe Nacht kein Auge zugetan habe!"
Halb blind taumle aus dem Schlafzimmer und pralle auf dem Weg zur Küche mit meinem "kleinen" Bruder zusammen, der wieder mal die Nacht auf meinem Sofa verbracht hat. Bei seinem Anblick packt mich die blanke Wut, doch dann fällt mir gerade noch rechtzeitig der gute Rat meiner Yogorette ein. Ich schließe die Augen und atme tief und gründlich ein und aus. Schon besser.
"Ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass du hier nicht mehr übernachten kannst!", blaffe ich schon viel entspannter.

Mein Brüderchen ist ein Diplom-Charmeur, der nichts anbrennen lässt. Man könnte ihn auch einfach ein Chauvinistenschwein nennen, aber ich finde das klingt so hart. In jedem Fall ist er ein Feigling, auch wenn er im Boxring keinen Kampf auslässt. Nein, sein Hang zur Weicheiigkeit kommt immer dann zur Geltung, wenn das Thema Schlussmachen ansteht, folglich zweimal die Woche. Sobald er von einer neuen Flamme die Nase voll hat, also praktisch unmittelbar nach dem Koitus, serviert er sie nicht einfach mit einem lahmen Macho-Spruch ab, nein, er lässt sie auflaufen – mieser geht's nicht mehr. In der Praxis sieht das so aus, dass er sich bei seiner großen Schwester verkriecht, bis die Luft rein ist, und seine Bude nicht mehr belagert wird. Obwohl er unlängst dazu übergegangen ist, die Frage "Gehen wir zu dir oder zu mir?" mit einem: "Ich habe die Maler im Haus!", zu beantworten.

Wie auch immer. Seit einigen Wochen habe ich einen Freund Namens Gravis. Und so sehr ich meinen Bruder auch ins Herz geschlossen habe, bin ich ein Mensch aus Fleisch und Blut und brauche ab und zu meine Privatsphäre. Ich meine, Hallo, immerhin ist das meine Wohnung, oder?
Doch der kratzt sich nur geistesabwesend seinen Dreitagebart und winkt ab.
"Wenn du dich wegen Gravis aufregst, keine Bange." 
Ich hebe eine Braue und verschränke die Arme vor der Brust, während er Kaffeebohnen in die Maschine schaufelt. Wer regt sich hier auf, ich bin die Ruhe in Person, total entspannt!
Obwohl ich allen Grund hätte ein riesen Theater anzuzetteln. Ich meine, wie sieht das denn aus, wenn ich meinen Freund mit nach Hause bringe, und da liegt ein Mann auf meiner Couch.
"Wir sind gestern nach dem Kampf durch die Kneipen gezogen und in der Sports Bar hängen geblieben."
Kotz-würg! Die Sports Bar ist ein total überkandidelter Schickimicki-Schuppen im Kölner Rheinauhafen, der als Tagesmenüpunkt "Bundesliga" auf der Karte hat. Auf einer Großbildleinwand, die ihrem Namen alle Ehre macht, wird Tag und Nacht Fußball, Formel 1 und Boxen gezeigt, bis der Arzt kommt. 

Mehr noch als die Nachricht, dass mein Bruder anscheinend ein verkappter Snob ist, stolpere ich über die Tatsache, dass er seit neuestem mit meinem Freund loszieht. 
Was bitteschön soll das werden?
Die Frage scheint mir ins Gesicht zu stehen, denn er stupst mich spielerisch in die Seite.
"Komm schon, wir beide wissen doch, dass du Boxen nicht magst, und Gravis hat noch nie einen Live-Kampf gesehen." 
Na toll, das hier wird besser und besser. Die Herren gehen aus, und am Ende landet auch noch der falsche Typ in meiner Wohnung. Ich bin begeistert. Aber so was von.
Lasst euch eines gesagt sein: Wenn einem schon der eigene Bruder den Freund ausspannt, nützt alles ein- und ausatmen nichts, dann ist der Tag gelaufen!

Wutschnaubend stampfe ich in mein Schafzimmer, springe in die erstbesten Klamotten und schnappe mir meine Handtasche. An der Haustür drehe ich mich noch mal um, schließlich will ich entspannen üben, und meine Yogalehrerin hat mir einiges aufgetragen:
"Danke du Blödmann!", rufe ich und schließe die Tür hinter mir, um auswärts zu frühstücken.
Doch ich komme nicht weit, denn im Flur fällt mich meine Nachbarin, Frau Koslowsky an.
"Frau kamelin, aus ihrer Wohnung kam die ganze Nacht verflixt laute Musik!"
"Das war Herr Kotzmeier!", schnauze ich und dränge mich an ihr vorbei. Mit der Klinke in der Hand drehe ich mich noch mal zu ihr herum und füge ein "Danke, du alte Trutsche!" hinzu, bevor ich im Kölner Maimorgen verschwinde.

Im 4Cani ist wie immer die Hölle los, aber das stört mich nicht, denn es passt zu meiner Laune. Yoga, stelle ich fest, ist auch nicht mehr das was es mal war. Ich bedanke mich bei jedem Penner, fühle mich danach jedoch kein bisschen entspannter. Und dabei atme ich die ganze Zeit ein- und aus, bis ich beinahe hyperventiliere. Entweder ist Yoga voll daneben, oder ich mache etwas falsch.
Also rufe ich nach dem Essen meine Expertin an, und schildere ihr den Vormittag. Ich kann förmlich hören, wie sie die Augen verdreht, was meine Stimmung nicht gerade hebt.
Nein, erklärt sie mir, ich solle nicht einfach nur nach Luft schnappen, sondern bewusst atmen, und mir dabei vorstellen, wie sich mein Körper mit jedem Atemzug mehr und mehr lockert.
So viel zum Kleingedruckten. 
Auch die Sache mit dem Bedanken bin ich anscheinend falsch angegangen, denn der Dank soll auch noch von Herzen kommen.
Also wirklich, sonst noch was?
Nachdem ich aufgelegt habe, nehme ich einen tiefen Atemzug, bis ich die Politusse bemerke, die sich wie ein weißer Hai meinem fahrbaren Untersatz nähert.
Heilige Scheiße, nicht schon wieder ein Knöllchen!

Eilig knalle ich einen Schein auf den Tisch und sprinte los. Doch ich komme zu spät, dieser Troll hat mir für fünf Minuten überzogener Parkzeit ein fünfzehn Euro-Ticket verpasst.
Einatmen. Ausatmen. Du schaffst das, rede ich mir gut zu.
"Herzlichen Dank auch, du bescheuerte Planschkuh!", keife ich, als ich meinen Wagen erreiche. Erbost rupfe ich den Zettel vom Scheibenwischer, den ich an Ort und Stelle zu Konfetti verarbeite. Doch anscheinend ist die Frau Beleidigungsresistent, denn sie wünscht mir einen schönen Tag und nimmt sich den nächsten Parksünder vor. 
Während ich einsteige frage ich mich, ob ich sie nach der Telefonnummer ihres Yoga-Gurus fragen sollte. Die Frau strahlt nicht nur eine völlige Ruhe aus, sie wirkt geradezu stoisch – dabei habe ich sie nicht mal atmen sehen! Wie seltsam, irgendwas mache ich falsch. 

Wieder Zuhause finde ich meine Wohnung leer, und – kaum zu glauben – aufgeräumt vor. Selbst die Küche ist blitzblank, und ein frischer Strauß Lilien mit weißem Flieder lacht mich vom Esstisch an.
"Danke Bruderherz!", denke ich grinsend, während ich Teewasser aufsetze. Das rote Lämpchen des Anrufbeantworters blinkt. Meine Mom hat zwei Nachrichten hinterlassen, sowie Gravis, der Morgen Abend mit mir in Don Giovanni gehen möchte. 
"Danke Schatz!", denke ich, und mein Lächeln wird breiter.
Na also, geht doch! Das mit dem von Herzen kommen ist doch gar nicht so schwer.

Doch genug Zeit verplempert, ich habe zu tun. Tatsächlich ersticke ich in Arbeit, doch ich halte eisern an meinem Vorsatz fest, mich nicht mehr über jeden Furz aufzuregen. Immerhin soll Yoga Körper, Geist und Seele in Einklang bringen, und das beginnt nun mal mit der geistigen Konzentration. 
Also konzentriere ich mich was das Zeug hält auf meinen Job, bis ich acht Stunden später beinahe vom Stuhl kippe.
Das mit der Konzentration klappt schon mal ganz gut, nur an der Balance muss ich noch arbeiten. Und an meinem Atem. Und, ähm, meiner Einstellung, und so. Na ja, was soll's. Morgen früh habe ich eine weitere Yogastunde. Vielleicht kann mir meine Gurusine bei dieser Gelegenheit erklären, wie ich mich bei Don Giovanni entspannen soll. Ich meine, mal ehrlich, das ist Mozart, der hatte es nicht so mit ruhiger Musik. Oder? ODER?

Als ich am Abend unter die Decke schlüpfe, und den Tag Revue passieren lasse, finde ich, dass es im Großen und Ganzen gar nicht so schlecht gelaufen ist. Ich hab nur halb so viele Leute angebrüllt wie üblich, was einer Senkung der Anraunzquote um 50% entspricht. Selbst mein Nacken ist nicht mehr ganz so steif – sind das gute Neuigkeiten, oder was?

Na also, vielleicht ist Yoga ja doch nicht für die Tonne, denke ich und schließe die Augen, erschöpft vom vielen atmen, bedanken und konzentrieren. 
Mein letzter Gedanke ist ein dickes fettes Ommm, bevor ich in einen traumlosen Schlaf falle.





© Bild & Text by kamelin 2011


2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Unbegrüßte Frau Kamelin,

*BRÜLL* Einer der besten Texte aller Zeiten, meine Hose ist völlig nass und das hat nur teilweise etwas mit Inkontinenz zu tun.

Nur zu gut kann ich Ihren Zorn nachvollziehen, hat mich doch gerade eine alte Hexe auf meiner Arbeit angepfiffen, dass ich an der Reihe sei, Kaffee mitzubringen, obwohl ich erst vor 3 Wochen zwei Päckchen gestiftet habe.

Erklären Sie mal einem Außenstehenden diesen Sachverhalt, wenn es keine Zeugen für die Kaffeeübergabe gab.

Alte Hexe:"Kaffee? Sie? Nein, Herr Fuchs, Sie haben doch noch NIE Kaffee mitgebracht...NIE, NIE, NIE"

WIE BITTE SOLL ICH DA RUHIG WEITERATMEN? WIE?

Unter Tränen
Herr Fuchs

kamelin hat gesagt…

Tränender Herr Fuchs,

sie kapieren überhaupt nicht, worum es geht. Der Sinn & Zweck dieser Hexenverfolgung liegt darin, dass sie gerade NICHT weiter atmen. Das nennt man Mobbing und ist nebenbei bemerkt ein alter Hut. Ich empfehle ihnen die üblichen Gegenmaßnahmen einzuleiten. Also, die Hexe auf eine Kaffeefahrt zu nehmen, das Ganze zu dokumentieren und bei YouTube zu veröffentlichen.

Kollegiale Grüße,

die kamelin