... morgen schon erbitterte Feinde?
An einem sonnigen Donnerstag Vormittag klingelte kamelin‘s Telefon. Es war ihr wichtigster Kunde, der sie in den letzten Monaten ordentlich auf Trab gehalten hat, denn wenige Wochen zuvor wurde ein neuer Vertrag abgeschlossen, der die Zusammenarbeit für weitere vierzehn Monate regelt.
„Hallo Frau kamelin, hier ist Schneider!“
„Guten Tag Herr Schneider, was verschafft mir die Freude?“
„Ich habe da etwas, was ich mit ihnen besprechen will - haben sie gerade Zeit?“
„Natürlich.“ Eine kurze Pause entsteht, als er fortfährt
„Ja sehen sie, es ist so, dass ich eine neue Kanzlei habe, die mich betreut.“
„Kanzlei?“
„Ja ja! Sie wissen schon, Steuern und so. Aber die hier hat auch Berater und Anwälte...“.
„Aha, verstehe.“
„Gut, das ist gut! Es ist nämlich so, dass mein neuer Berater mir prima Möglichkeiten aufgezeigt hat, wie ich Kosten sparen kann!“ Da er nicht weiter spricht frage ich
„Ja?“
„Ja! Ein Posten... na ja, das wären sie!“ Er räuspert sich.
„Ich?“
„Ja, ja, sie wissen schon, ihre Agentur.“
„Vielleicht können sie mir sagen, wie sie das konkret meinen.“
„Ich habe beschlossen unseren Vertrag zu kündigen - das Schreiben ist schon raus.“
Ich schlucke und starre auf meinen Monitor. Kündigen? Den Vertrag? Jetzt? Die Tinte ist noch nicht ganz trocken und die Leistungen aus dem Vertrag hat meine Agentur bereits erbracht. Er arbeitet mit unseren Ergebnissen und muss den Vertrag nur noch abbezahlen. Dieser Mann wird von mir kreditiert und er hat gerade mal zwei Raten bezahlt - zwölf stehen noch aus! Ich bin verwirrt und hake mit belegter Stimme nach.
„Ähm, Herr Schneider, ihnen ist aber schon klar, dass der Vertrag noch gut zwölf Monate läuft, oder? Und davon einmal abgesehen gehen ihre Gewinne seit unserer Zusammenarbeit durch die Decke!“ Daran erinnere ich ihn besonders gerne, denn im ersten Jahr unserer Zusammenarbeit hat er nicht weniger als 50% mehr Gewinn eingefahren, im zweiten Jahr sogar über 60%. Damit konnte er längst fällige Investitionen angehen, sein Unternehmen neu aufstellen und neue Mitarbeiter einstellen - auf den letzten Punkt bin ich besonders stolz.
„Nein, nein, der Vertrag ist gekündigt - mit sofortiger Wirkung...“ Auf meinen zweiten Punkt geht er gar nicht ein, sondern fährt fort
„...das Schreiben müssten sie morgen erhalten.“
„Und verraten sie mir auch den Grund?“
„Man muss sparen, wo man kann!“
„Und wie kommen sie darauf, dass sie einen gültigen Vertrag so mir nichts dir nichts kündigen können?“
„Paragraph §627 BGB!“, jubiliert er.
„Was soll das sein?“, frage ich gereizt.
„Das ist der Kündigungsgrund!“
„Und sie wissen wirklich, was sie da tun?“
„Natürlich! Ich wollte es ihnen nur gerne persönlich sagen, immerhin haben wir bisher immer gut zusammengearbeitet!“
„Verstehe ich sie richtig, dass sie mir kündigen, nachdem ich meine Leistung abgeliefert habe, sie mir aber noch die Raten von 12 Monaten schulden?“
„Können sie beweisen, dass sie ihre Leistung abgeliefert haben?“ Mir stockt für einen Moment der Atem, bis ich hervorwürge
„Sie arbeiten seit Wochen mit den erbrachten Ergebnissen und Leistungen unserer Agentur, was soll denn diese Frage?“
„Ja, ja, aber können sie einen Leistungsnachweis vorlegen? Habe ich die Arbeit abgenommen oder irgendetwas unterschrieben?“
„Das Nutzen meiner Leistung kommt einer Abnahme gleich!“, kontere ich.
„Das sagen sie! Meine neuen Berater sehen das anders!“
„Dann wollen sie mir sagen, dass sie nicht vorhaben, ihren Teil des Vertrages einzuhalten, sehe ich das richtig?“
„Solange sie mir keinen Leistungsnachweis liefern, sehe ich keine Veranlassung, weiterhin die Raten zu zahlen!“
Nachdem ich das Gespräch beendet habe, sehe ich mit leerem Blick aus dem Fenster und frage mich, was zum Henker mit den Menschen los ist. Was ist das für eine Welt, in der Verträge nichts mehr wert sind und ein gegebenes Wort noch viel weniger? Nachdem ich mich etwas beruhigt habe, rufe ich meinen Anwalt an und erkundige mich nach diesem ominösen Paragraphen 627. Tatsächlich ist das eine Möglichkeit nahezu jeden gültigen Vertrag bei sogenannten „Dienstverträge über Dienste höherer Art“ auszuhebeln, schlicht indem man behauptet, das Vertrauen die die Zusammenarbeit verloren zu haben.
Das reicht, mehr muss man nicht ausführen. Und wenn man als Dienstleister nicht jeden Handschlag nachweisen kann, sich jede Leistung hat quittieren lassen, steht man dumm da.
Doch nach drei Jahren fruchtbarer Zusammenarbeit, hat sich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, indem es lebensfern ist, sich jede Leistung abzeichen zu lassen, zumal es vorzeigbare Ergebnisse gibt, die sich nicht bestreiten lassen. Dennoch, vor Gericht sieht die Sache anders aus, als in der Praxis.
Nachdem ich den ganzen Tag meine Zornestränen zurückgehalten habe, weine ich Abends dann doch in meinen Tee. Ich heule über die Ungerechtigkeit, die Schamlosigkeit und die Dreistigkeit des Anrufs, und fühle mich wie der unglücklichste Krümel auf der Welt.
Ein paar Wochen hält diese Phase an, in der ich in Selbstmitleid zerfliesse - und meinen Kunden verfluche. Er hat mir meine wertvolle Zeit gestohlen - im wahrsten Sinne des Wortes.
Während dieser Zeit denke ich über eine Klage nach, doch nachdem mein Anwalt mir ausgerechnet hat, was mich dieser Spass kosten würde, versinke ich eine weitere Woche in meinem Leid.
Warum auch habe ich ausgerechnet in diesem Jahr meine ganze Hard- und Software erneuert? All die Updates und Neuerungen, war das wirklich nötig? Ja, das war es, und einige lange Augenblicke überlege ich mich bitter zu rächen.
Doch ich widerstehe der Versuchung, die Kunden meines Kunden anzurufen - die Liste liegt mir vor - und werde bei ihnen nicht das Gerücht streuen, dass Herr Schneider finanzielle Probleme hat, und dass es besser wäre, wenn sie beim nächsten Auftrag eine Bankbürgschaft von ihm verlangen würden. Wenn das nur 50% der Kunden machen würden, wäre Herr Schneider bald insolvent, soviel ist mir klar. Auch rufe ich nicht das Finanzamt an, und teile dem freundlichen Beamten mit, dass es gewisse Unregelmäßigkeiten bei Herrn Schneider gibt, und dass eine Betriebsprüfung ratsam sei, zumal gar nicht gesichert ist, ob er alle Einnahmen abführt. Auch verständige ich nicht die Staatsanwaltschaft, und verkünde, dass die Möglichkeit besteht, dass Herr Schneider nicht alle Angestellten richtig angemeldet hat, dass einige vielleicht gar nicht versichert sind, und ich mich vage daran erinnere, das Wort 'Schwarzarbeit' in Zusammenhang mit der Firma von Herrn Schneider gehört zu haben.
Nein, all das tue ich nicht, obwohl es ein seliger, verlockender und auch tröstender Gedanke ist, diesen undankbaren Menschen in seine Schranken zu weisen.
Doch ich glaube daran, dass alles was ich aussende, ich irgendwann zurückbekomme. So ist es nicht mein Edelmut, der Herrn Schneider vor zahlreichen Schwierigkeiten rettet, sondern mein Glaube an eine höhere Instanz und an einen kosmischen Schlag, der ihn heimsuchen wird. Zugegeben, dann wäre ich wirklich gerne dabei, aber das ist eine andere Geschichte. Während ich so darüber nachdenke, fällt mir ein bekanntes Zitat ein:
„... Und welcher Ort euch nicht aufnehmen und wo man euch nicht anhören wird, von dort geht hinaus und schüttelt den Staub ab, der unter euren Füßen ist ...“
Den Staub abschütteln und loslassen - ein Gedanke, der mich zwei weitere Wochen beschäftigt.
Schliesslich komme ich zu dem Schluss, dass ich auf eine Klage verzichten- und den Kunden loslassen werde. Seit er den Vertrag ausgehebelt hat, schlafe ich schlecht, und ein Blick in den Spiegel verrät mir: "Hassen macht hässlich". Ich hasse den Mann nicht, aber diese ganze Aktion widert mich zutiefst an. Und dieser Gedanke dominiert seit Monaten mein Denken und Handeln, eine Tatsache, die ich nun ändern möchte.
Darum pfeife ich meinen Anwalt zurück und richte meine Energien auf konstruktive Projekte.
Zudem habe ich noch einen Trumpf im Ärmel - zwar nur ein Trost - aber immerhin.
Da ich die Urheberin all meiner Werke bin, liegen die Nutzungsrechte in meiner Hand. Und da mein frisch gebackener ex-Kunde kein *hüstel* schriftliches Einverständnis von mir hat meine Leistungen zu nutzen, verbiete ich ihm dies - es sei denn, er zahlt mir eine angemessene Vergütung, deren Höhe in meinem Ermessensspielraum liegt. Und da ich im Moment nicht gut auf Herrn Schneider zu sprechen bin, ist die entsprechend hoch.
Sollte er damit einverstanden sein, werde ich mir einen Teil meines Geldes zurückholen.
Wenn nicht, malen ihm vielleicht seine Kinder ein neues Firmenlogo, eine Geschäftspapierausstattung, Broschüren und eine neue Internetpräsenz. Möglicherweise bringen sie ja auch sein monatlich erscheinendes Kundenjournal heraus, wer weiss?
Falls sie das nicht können, nun, Pech für Herrn Schneider, meint kamelin.
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06 Oktober 2007
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2 Kommentare:
liebe kamelin,
du solltest den kosmos ordentlich donnern lassen,falls er dir zufällig über den weg laufen sollte.
dazu muß frau nicht zwingenderweise hassen, aber den kosmos kosmisch sein lassen, das dürfte sogar mann als mickriger erdenwurm.
dein loslassenkönnen wird dir auf irgendeine weise zum vorteil sein, dessen bin ich mir sicher, ähnliche erfahrungen habe ich auch immer wieder gemacht. allerdings sollte man die schweinischen beratter töten, es wäre ein segen für die menschen - manchesmal bedaure ich es, nicht der kosmos zu sein.
Werter °lp°,
das Loslassen ist wirklich ein Segen, denn es gibt nichts Schlimmeres, als ungelöste Konflikte sich immer mehr aufstauen- und aufblasen zu lassen. Zugegeben, meine Bereitschaft dazu hat auf sich warten lassen, doch vorgetäuschtes Loslassen nützt leider gar nichts, darum war Zeit hier ein guter Verbündeter.
Zum Kosmos habe ich einen ganz guten Draht, darum vertraue ich ihm voll und ganz, auch wenn ich manchmal meine, er könnte sich hier und da ein bisschen beeilen ,o)
Die Berater sind 9-jährige, die gerade ihren Doktor in Idiotologie gemacht- und noch nie im Leben Verantwortung für Mitarbeiter getragen haben. Ich vertraue darauf, dass sie irgendwann auf ihresgleichen stossen werden, denn niemand, der ernsthaft Geschäfte machen will, kann langfristig mit dieser Einstellung, im Markt - egal in welchem - bestehen, meint kamelin ,o)
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