Oder: kamelin beim Fotoshooting
Als das Telefon am Montag Morgen meinem Schlummer ein Ende setzt, schwant mir nichts Gutes, und ich soll Recht behalten. Es ist mein Chef, und er ist sauer. Stocksauer, um präzise zu sein.
Seit Wochen liegt er mir in den Ohren, zu einem zwangsverordneten Fotoshooting zu gehen. Er will die Bilder seiner Angestellten auf der neuen super-duper relaunchten Agenturwebpage präsentieren, und dazu müssen wir uns von einem saublöden Schickimicki-Profi ablichten lassen. Bereits dreimal habe ich diesen vermaledeiten Termin verschoben, aber nun ist Big Boss der Geduldsfaden gerissen. Selbst das Argument, dass ich im Grunde nur freiberuflich für ihn tätig bin, lässt er nicht gelten. Ich muss zum Blitzomaten, und zwar noch diesen Nachmittag.
Zähneknirschend lege ich auf.
Fliegenschiss und Hühnerkacke, ich hasse Fotos! Von mir, um präzise zu sein. Wozu das Ganze, wer will mich schon sehen? Und dann auch noch auf einer Webpage. Einmal im Netz kann ich diesen Mist nicht mehr löschen, selbst wenn mir morgen mein blödes Grinsen auf den Senkel geht. Und das wird es garantiert – ich weiß wovon ich rede.
Seit Jahren renne ich ehemaligen Klassenkameraden hinterher, die es für eine gute Idee halten, Bilder von mir einzustellen, sei es bei Stayfriends, Facebook oder TwitPics - man ist nirgendwo mehr sicher: "Oh, seht mal, das bin ich mit kamelin - damals hatte sie noch ihre Zahnspange, ist das nicht super-niedlich?!?"
Nein, verdammt, das ist es nicht - lasst euch das gesagt sein!
Und nun zwingt mich mein Brötchengeber mich diesen Nachmittag ablichten zu lassen, und es gibt nichts, was ich dagegen tun kann. Denn eines ist sicher: Weigere ich mich, hab ich Ärger am Bein, und vielleicht bald keinen Job mehr.
Entsprechend motiviert erscheine ich einige Stunden später bei Nikon, einem japanischen Starfotografen, der mit seinem Geknipse in einer Stunde mehr verdient als ich in einer Woche. Dieses Wissen ist nicht dazu angetan meine Laune zu verbessern, vor allem, nachdem mein "kleiner" Bruder darauf bestanden hat, mich zu begleiten. Das Miststück in mir hat ihn den ganzen Vormittag malträtiert, in der Hoffnung, dass es mir danach besser gehen würde. Viel geholfen hat es nicht.
Jetzt stehen wir zusammen vor diesem runtergekommenen Loft in Kölns South Bronx, während er von einem Ohr zum anderen grinst, als halbnackte Twiggys im Schlampen-Look das Studio verlassen.
Na toll.
Nachdem die Studio-Managerin uns bei Nikon angemeldet hat, schwebt dieser freudestrahlend auf uns zu. Ich versuche zurück zu strahlen, doch dann erkenne ich, dass sein Lächeln meinem Bruder gilt - war ja klar.
Ich dachte immer, ich sei klein, doch im Vergleich zu mir ist Nikon winzig. Seine Haut ist sonnenstudiomäßig gebräunt, und das pechschwarze Haar hat er zu einem - zugegebenermaßen ziemlich coolen - Irokesenschnitt getrimmt. Ein bisschen erinnert er mich an ein Manga - oder Bill Kaulitz, was aufs Gleiche hinausläuft.
Ach ja, und er ist schwul. Stockschwul, um präzise zu sein.
Während mir Nikons Team die Haare einsprüht und tonnenweise Makeup ins Gesicht spachtelt, hakt er sich bei meinem Bruder unter und führt ihn in die Besucherlounge. Dort ködert er ihn mit italienischem Designerespresso, und erntet prompt eines dieser Strahlelächeln, mit dem mein Bruder noch jedes Mädchen flachgelegt hat. Als Frau wäre er das, was man gemeinhin als Flittchen bezeichnet. Aber als Mann, ist er ein unheimlich cooler Typ, zumindest für seine bescheuerten Sportsfreunde - wo sind die Kotzsmilies, wenn man sie braucht?
Ob dieser coole Typ noch immer so ein Hollywoodlächeln aufsetzen würde, wenn er wüsste, dass Nikon vom anderen Ufer ist? Meistens haben Typen wie er - also richtige Kerle (har har!) - eine extrem ausgeprägte Homophobie.
Woher ich das weiß? Nun, mein großer Bruder spielt Psychoklempner, und anscheinend ist er ziemlich gut darin, denn er wird regelmäßig zu Vorträgen seines Spinner-Vereins eingeladen, dem BDS, ähm, sorry, BDP.
Unter uns: Hätte ich gewusst, wie viel Kohle man mit so einem Mist scheffeln kann, hätte ich mich vielleicht selbst der Freudschen Fraktion angeschlossen, anstatt den armen Poeten zu geben.
Scheiß Konjunktiv.
Als Nikon mir seine Aufmerksamkeit schenkt, und die ersten Posen erklärt, sinkt meine Laune noch einmal zwei Etagen Richtung Keller.
Posen? Ich will ein beschissenes Bild für die beschissene Webpage. Was soll ich da groß posen?
Lächeln - Foto - fertig! Wo ist das Problem?
Doch Nikon hat andere Pläne. Er will ein Setting schaffen, in dem ich mich entspanne. Anscheinend ist ihm die kritische Steilfalte zwischen meinen Brauen aufgefallen, die sich wie eine Ackerfurche in mein Gesicht gegraben hat.
Da ich ohnehin komplett zugekleistert bin, leiste ich keinen Widerstand, und fange doch tatsächlich an, auf Kommando zu grinsen.
"Lächle, Sweetheart, lächle!"
"Was glaubst du, was ich hier mache?", presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, was mein schönstes Sonnescheinlächeln darstellen soll.
"Aber nein, Honey, zu fletscht die Zähne. Lächle!"
"So lächle ich nun mal!"
"Aber, Darling, das ist kein Lächeln. Du siehst aus, als wolltest du mir die Kehle rausreißen."
Entweder ist er Gedankenleser, oder ich bin eine richtig miese Schauspielerin. Ich tippe auf Letzteres.
"Denk an etwas Schönes!", ruft er mir enthusiastisch zu.
Etwas Schönes? Was soll das ein? Ach ja, mein Leben, was sonst.
Verdammter Mist, mein Leben ist schön, denke ich grimmig und beiße die Zähne fester zusammen. Hätte ich mehr Zeit, würde ich mich den ganzen Tag vor Lachen ausschütten, jawohl. Wären da nur nicht die vielen Menschen, die mich nerven. Meine Arbeit, der Lärm, und, nun, ich selbst. Also, abgesehen von alldem, ist mein Leben eine fluffige rosa Wolke vor einem babyblauen Hintergrund …
Lassen wir das.
Lassen wir das.
Im Geiste verpasse ich mir eine Kopfnuss und beschließe das Spiel mitzuspielen.
Wenn die Bilder nichts werden, kommen Fotos von mir ins Netz, auf denen ich total kacke aussehe, und das würde mir die gute Laune bis Sommer 3015 verderben.
Innerlich seufze ich.
"Denke an deinen heißen Freund!", flötet Nikon hinter seiner Kamera.
Unwillkürlich wandern meine Gedanken zu Gravis. Okay, das könnte funktionieren. Mein Freund ist toll, und das meine ich ausnahmsweise einmal nicht ironisch. Er ist klug, witzig und verfügt über einen Charme, dem sich kaum jemand entziehen kann – ich jedenfalls nicht. Gebaut wie ein Gott, zieht er die Blicke der Frauen auf sich, wie ein Magnet Kühlschränke. Außerdem hat er die unverschämt blausten Augen, die mir je untergekommen sind, und ist obendrein ein echter Schatz. Einer von der Sorte, der Türen aufhält und Blumen mitbringt, wenn er sich verspätet - oder einfach nur so. Ich steh auf solche Sachen, verklagt mich doch!
In jedem Fall lächle ich nun endlich, und die digitale Spiegelreflex schießt dem Klang nach 1000 Bilder die Sekunde.
Nach einer gefühlten Ewigkeit wird es urplötzlich dunkel. Stockdunkel, um präzise zu sein. Tatsächlich sind die Lichter ausgegangen, und ich verwette meinen Hintern, dass ein naher Verwandter von mir dahinter steckt. Kurz darauf ist das Studio wieder beleuchtet, und als mein Bruderherz einen Moment später mit knallrotem Lippenstift am Hals hinter Nikon auftaucht bin ich sicher, dass er den Kurzschluss verursacht hat.
Es ist nicht schön, so etwas von seinem eigenen Bruder zu sagen, aber dieser Mistsack bricht Herzen im Minutentakt. Eines Tages wird er sich über beide Ohren in jemanden verlieben, der ihm den Laufpass gibt, und bei Gott, dann möchte ich dabei sein.
In jedem Fall habe ich nun die gewünschten Bilder für meinen Arbeitgeber, und ich muss zugeben, ein paar von denen sehen gar nicht mal so übel aus. Als ich das zu Nikon sage, sieht er aus, als hätte ich ihm dahin getreten, wo es wehtut. Zu spät erkenne ich meinen Fehler, denn der Meister ist anderes gewohnt als: "Doch, das geht", und "M-hm, das ist auch ganz passabel". Mein Bruder rettet die Situation, indem er die Bilder im Allgemeinen und Nikons Kunst im Besonderen preist. Ein Hoch auf seine sensible Ader, die mir völlig abgeht.
Noch am selben Tag geht das Zeug per Boten zu meinem Chef, der mich am nächsten Morgen abermals aus dem Bett klingelt.
"Und?", fragt er, ganz Herr und Meister. "War das jetzt so schwer?"
Ja, verdammt, das war es!
Doch das sage ich nicht laut, denn in seinem Betrieb rangiere ich in Sachen Wichtigkeit irgendwo unterhalb der Steinlaus. Und da ich auch morgen noch einen Job haben möchte, bemerke ich stattdessen:
"Öhm, nein", und hoffe, dass das Gespräch damit beendet ist, aber er ist noch nicht fertig.
"Nikon ist hellauf begeistert. Er sagt, dass du Potential hast und würde gern noch mehr Fotos machen. Du hast deine Nummer nicht dagelassen, also hat er sich an mich gewandt."
Was übersetzt heißt: Nikon, dieser Riesenarsch, hätte gerne die Telefonnummer meines Bruders, und versucht mich auf diesem Weg zu erpressen - und mir gleichzeitig meine Ignoranz heimzuzahlen, weil ich sein Talent nicht angemessen gehuldigt habe.
Hab ich ein Glück, denke ich und lege auf, nachdem ich versprochen habe, an meiner Model Karriere zu arbeiten.
Aber klar doch.
Und die Moral von der Geschicht? Ist das nicht klar? Nehmt niemals euren Bruder zu einem Fotoshooting mit, schon gar nicht den Jüngeren, ich sag's euch!
Zumindest habe ich ein paar brauchbare Bilder, das spart mir diesen Quatsch hoffentlich für die nächsten zehn, fünfzehn Jahre.
Solltet ihr also demnächst irgendwo eine Kamera sehen, sei es im Park- oder Kaufhaus, denkt an meine Worte - oder waren es Nikons? Egal: "Lächle, Sweetheart, lächle!"
Starke Nerven wünscht, die kamelin .-)



